Freitag, 30. Dezember 2016

[ #FreeBook ] Wissenschafterinnen in und aus Österreich - Ein Lexikon

Die erste Generation von Wissenschafterinnen an den Universitäten Wien, Graz und Innsbruck. Sehr klar zeigt das Lexikon, dass es bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nur sehr wenigen Frauen gelang, in dem institutionalisierten Wissenschaftsbetrieb zu reüssieren. Habilitationen und Ernennungen zu Professor(inn)en blieben Ausnahmen. Vorarlbergerinnen kommen - wiewohl die "Heimat-Uni Innsbruck" dabei ist, überhaupt nicht vor.

Österreich besitzt mit einem Gesamtanteil von 20,7 Prozent (Stand: 2002) Wissenschaftlerinnen eine der niedrigsten Raten Europas. In der industriellen Forschung ist deren Anteil nur halb so hoch. Ende 2012 hatten in Österreich 504 Frauen eine Professur inne; das entspricht einem Anteil von 21,6 Prozent. In der vorliegenden bio-bibliografischen Sammlung wurden Leben und Werk von Wissenschafterinnen in und aus Österreich erforscht. Der zeitliche Schwerpunkt erstreckt sich vornehmlich von der Jahrhundertwende bis zur Nachkriegszeit. Erforscht wurde die erste Generation von Wissenschafterinnen an den Universitäten Wien, Graz und Innsbruck. Vollständig aufgenommen wurde die erste Generation von Frauen, die sich in Österreich habilitieren konnte, die ersten Dozentinnen und Professorinnen. Es handelt sich hier um "klassische" Wissenschaftskarrieren, die sich in ihrem Ablauf mit denen von Männern vergleichen lassen. Ausführliche Berücksichtigung erhielt aber auch der außerakademische Bereich.

331 Wissenschafterinnen. Von insgesamt 331 Lexikonartikel sind ca. ein Drittel aus dem medizinischen, psychologischen und therapeutischen Feld. Bedingt durch die historischen Zäsuren der beiden Weltkriege treten in zahlreichen Beiträgen Verfolgung, Flucht, Emigration und auch Remigration ins Zentrum der einzelnen Biografien. Die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu den in Österreich Verbliebenen, nach unterschiedlichen Lebensbedingungen und -chancen liegt nahe. Über den individualbiografischen Aspekt hinaus wird ein historischer Eindruck über kulturelle und politische Strömungen und ihre Einflüsse auf die wissenschaftliche Forschung und Lehre geschaffen.

Vor allem aus feministischer Perspektive stellt das Lexikon ein Desiderat dar, da in Österreich die Beteiligung von Frauen an der Wissenschaftsproduktion und -vermittlung von der Jahrhundertwende bis in die späte Nachkriegszeit erstmals umfassend recherchiert, dokumentiert und erforscht worden ist. Anliegen war es, frauenspezifisches wissenschaftliches Wirken nicht als die Geschichte einiger weniger darzustellen - die Vielzahl der hier versammelten Beiträge spricht vielmehr für eine breite Emanzipationsbewegung im Bereich der Bildung und Wissenschaft.

Deutlich gemacht wurden die vielfältigen Dimensionen, über die sich Frauen den wissenschaftlichen, Bereich als Berufs- und Wirkungsfeld erschließen konnten. Dabei wurde nicht so sehr die Erforschung der persönlichen und privaten Lebensumstände in den Vordergrund gestellt, sondern der Schwerpunkt der Beiträge liegt auf einer umfassenden Werkinterpretation. Die von zahlreichen Autoren und Autorinnen aus den einschlägigen Fachgebieten verfaßten Beiträge gewähren damit ebenso Einblick in eine faszinierende Vielfalt von Erfahrungshorizonten und Lebensmustern wie auch in das engagierte Erkenntnisinteresse, welches die unterschiedlichen wissenschaftlichen Laufbahnen bestimmte.

Dieses frauenspezifische Lexikon revidiert bisher übliche Sichtweisen auf die österreichische Wissenschaftsgeschichte. in denen nach wie vor der weibliche Anteil unterrepräsentiert vertreten ist. Das Lexikon kann nicht zuletzt auch auf Grund seiner Interdisziplinarität und der Darstellung des Exils österreichischer Wissenschafterinnen einen Beitrag zu einem umfassenderen Verständnis der Verwobenheit österreichischer Wissenschaftstraditionen mit dem inter/nationalen Kultur- und Wissenschaftstransfer leisten.

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