Samstag, 28. November 2015

[ #Digitalisat ] Johann Gottfried von Herder: "Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Traume"

Herder hält Malerei abwertend nur für "Oberflächenkunst" und Traum, die Skulptur hingegen für Wirklichkeit.

Herders "Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Traume", Riga 1778  ist auf den Seiten der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg digitalisiert online.

Skulptur. In seiner Schrift "Plastik" zieht Herder die Analogie zwischen "Bildhauerei" als Kunst und "Bildung" des einzelnen Menschen: "Bildhauerei stellt das Wesen des Menschen in seiner komplexen Einheit und Unwandelbarkeit dar, Malerei repräsentiert die mannigfaltige Gestaltung des Menschen in der Geschichte" .Kultur und Anthropologie stehen in einem engen Zusammenhang.

Herder spielt allerdings die körperliche 'Darstellung' der Plastik, die der Betrachter gleichsam imaginativ ertastet, gegen die malerische 'Repräsentation' aus: "Es bleibt also wahr: 'der Körper, den das Auge sieht, ist nur Fläche, die Fläche, die die Hand tastet, ist Körper'". Herders Grundüberzeugung war, "daß 'für's Gesicht eigentlich nur Flächen, Bilder, Figuren eines Plans gehören, Körper aber und Formen der Körper vom Gefühl abhängen.'"Das eine Medium hat den Status des "Traums", das andere den der "Wahrheit".

Herder hat die "Oberflächenkunst der Malerei" so charakterisiert: "Was kann das Licht in unser Auge malen? Was sich malen läßt, Bilder. Wie auf der weißen Wand der dunklen Kammer, so fällt auf die Netzhaut des Auges ein Strahlenpinsel von allem, was vor ihm stehet ... Die weite Gegend, die ich vor mir sehe, was ist sie mit allen ihren Erscheinungen, als Bild, Fläche? Jener sich herabsenkende Himmel und jener Wald, der sich in ihn verliert, und jenes hingebreitete Feld, und dies nähere Wasser, und dieser Rahme von Ufer, die Handhabe des ganzen Bildes - sind Bild, Tafel, ein Continuum neben einander. Jeder Gegenstand zeigt mir gerade so viel von sich, als der Spiegel von mir selbst zeigt, das ist Figur, Vorderseite; daß ich mehr bin, muß ich durch andere Sinne erkennen, oder aus Ideen schließen."

Johann Gottfried von Herder. Herder wurde am 25. August 1744 als Sohn eines Kantors in Mohrungen geboren. Er besuchte zunächst eine Lateinschule und studierte dann an der Königsberger Universität Philosophie bei Immanuel Kant, Theologie und Literatur. Dort schloß er Freundschaft mit Johann Georg Hamann. 1764 ging er als Prediger und Lehrer nach Riga. 1769 unternahm er eine Frankreichreise, danach eine Bildungsreise nach Deutschland. 1770 kommt es in Straßburg zur historischen Begegnung zwischen Herder und Goethe. Diese Begegnung sollte beide Dichter in ihrem Denken weitreichend beeinflussen. 1770-71 bleibt er in Straßburg, um sich von einem Augenleiden zu erholen. Ab 1771 hatte er verschiedene geistliche Ämter inne, z.B. war er Hofprediger und Superintendent bei einem Grafen (1771-76), später wurde er Generalsuperintendent in Weimar und damit zum höchsten geistlichen Würdenträger des Staates. Mit Hilfe von Goethe kam er nach Weimar. Dort konnte er auch Freundschaft mit Schiller und Wieland schließen. Herder trat für eine aufklärerisch-didaktische Dichtung ein, und geriet damit in Konflikt mit Goethe und Schiller. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er isoliert vom gesellschaftlichen Leben Weimars. 1802 wurde er geadelt. Ein Jahr später, am 18. Dezember 1803, verstarb er. Mit seiner Werk Sammlung von Volksliedern übte er Einfluß auf die Romantik, Arnims und Brentanos Des Knaben Wunderhorn und die Gebrüder Grimm aus.

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