Freitag, 29. Januar 2016

[ #FreeBook ] Leo Reuss - Der Bergbauer in der Josefstadt

Als der erfolgreiche jüdische Schauspieler Leo Reuss wegen der Rassenpolitik im NS-Deutschland 1935 endgültig keine Möglichkeiten mehr sieht, kehrt er nach Wien zurück.  

Überlebenstheater. Doch auch hier findet er aus den erwähnten Gründen keine besseren Bedingungen vor. Österreichs austrofaschistische Kulturpolitik war längst vor dem "Anschluss" in NS-Händen. Da spielt, erfindet der dSchauspieler Leo Reuss das "Überlebenstheater" (Hilde Haider-Pregler): "Im Theater in der Josefstadt meldet sich im Herbst 1936 ein blondbärtiger Älpler mit Namen Kaspar Brandhofer." Der Völkischen Beobachter schäumt: „Jüdische Schwindel“. Felix Mitterer hat mit dem Stück "In der Löwengrube" diesem cleveren Schauspieler der damit auch den dummen Rassismus seine pseudowissenschaftliche Maske entrissen hatte, ein verdientes Andenken. Er hat die nazistische Rassenideologie der Lächerlichkeit preisgegeben.

Der Bergbauer in der Josefstadt. An der Universität Wien liegt dankenswerterweise ein Diplomarbeit aus dem Jahre 2012 online vor:  "Der Bergbauer in der Josefstadt".


Abstract. Als Mauriz Leon Reiss am 30. März 1891 in Dolyna in der heutigen Ukraine geboren, wuchs Leo Reuss, Sohn jüdischer Eltern, in Wien auf. Im Wintersemester 1913/14 inskribierte er an der Universität Wien Kunstgeschichte und Germanistik. Gleichzeitig absolvierte er die Aufnahmeprüfung der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien. Doch musste er seine schauspielerischen Ambitionen durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrechen. Er meldete sich freiwillig und diente bei den Hoch- und Deutschmeistern No. 4. 1916 ließ er sich taufen und heiratete seine erste Frau, mit der er später zwei Kinder hatte.
Nach dem Krieg debütierte Leo Reuss am Wiener Komödienhaus in der Nussdorferstraße als Herzog von Albanien in Rudolf Schildkrauts Gastspiel von Shakespeares König Lear am 30. Mai 1919.
1921 ging Reuss zunächst nach Hamburg an die Kammerspiele und ein Jahr später ans Berliner Staatstheater unter der Leitung von Leopold Jessner. Hier wurde er als Theaterschauspieler bekannt. 1925 wechselte Leo Reuss mit seiner Lebensgefährtin, der berühmten Schauspielerin Agnes Straub, zu Berliner Volksbühne.
Gemeinsam leiteten sie das „Agnes-Straub-Tournée-Ensemble“. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jänner 1933 und nach Inkraftsetzung der „Nürnberger Rassegesetze“ 1935 stand der Jude Leo Reuss vor großen beruflichen und menschlichen Problemen. Daher kehrte er im Herbst 1935 in seine alte Heimat Österreich zurück. Doch als staatenloser Jude fand er auch hier keine Engagements und so schlüpfte Leo Reuss 1936 in die Rolle des arischen Salzburger Bergbauern Kaspar Brandhofer. Mit blonden Haaren und einem Vollbart machte er sich zu einem „Arier“. Mit diesem Alter Ego debütierte er am 2. Dezember 1936 im Theater in der Josefstadt. Zunächst von den Kritikern gelobt, flog seine Maskerade bald auf und Reuss musste sich als Jude zu erkennen geben. Es folgten ein Gerichtsprozess im Jänner 1937 und ein großes Medienecho im In- und Ausland. Leo Reuss konnte nach diesem Skandal in Wien kaum mehr Engagements antreten und so nahm er im Sommer 1937 einen Vertag von MGM in Hollywood an.
Im Herbst 1937 emigrierte Leo Reuss nach Hollywood um als Filmschauspieler Lionel Royce Karriere zu machen. In über 40 Filmen spielte er meist in Nebenrollen den „bad german“. Zwei weitere Ehen folgten. Die nervlichen Anspannungen seit seiner Rückkehr nach Wien und die Emigration machten ihm gesundheitliche Probleme. Viel zu früh verstarb Reuss am 1. April 1946 auf einer Tournee zur Truppenbetreuung in Manila.

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Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis:
ZUSAMMENFASSUNG II
INHALTSVERZEICHNIS  IV
DANKSAGUNG  VI
1 EINFÜHRUNG  2
2 VON GALIZIEN NACH WIEN  4
2.1 WO ALLES BEGANN 4
2.2 DIE KARRIERE KANN BEGINNEN  7
2.3 DER WEG NACH BERLIN FÜHRT ÜBER HAMBURG  8
3 „DAS IST DIE BERLINER LUFT“  9
3.1 LEOPOLD JESSNER HOLT LEO REUSS ANS BERLINER STAATSTHEATER  9
3.2 LEO REUSS UND AGNES STRAUB WECHSELN ZUR VOLKSBÜHNE  12
3.3 ALS FREIER KÜNSTLER AUF EINEM FREIEN MARKT  13
4 AGNES STRAUB JA, LEO REUSS NEIN DANKE!  15
5 ZURÜCK IN WIEN  25
5.1 DIE POLITISCHE SITUATION IN ÖSTERREICH 25
5.2 DEUTSCHLAND MACHT ÖSTERREICHISCHE THEATERPOLITIK 29
5.3 LASST MICH SPIELEN  35
6 VORHANG AUF FÜR KASPAR BRANDHOFER  37
6.1 WENN MAN MICH NICHT ALS JUDE WILL, DANN MACH ICH MICH EBEN ZUM
 ARIER  37
6.2 GENERALPROBE IN BERLIN  39
6.3 MIT EMPFEHLUNGSSCHREIBEN IN DER TASCHE GEHT ES NACH WIEN  43
6.4 TOI TOI TOI  50
6.5 KASPAR BRANDHOFER FLIEGT AUF  58
6.6 WAS NUN?  66
6.7 DER PROZESS GEGEN LEO REUSS  72
6.8 AUS UND VORBEI  79
7 HOLLYWOOD 86
8 SCHLUSS 88
ANHÄNGE 92
A. FILMOGRAPHIE 93
B. THEATERAUFTRITTE  100
C. INSZENIERUNGEN 112
D. RADIOAUFTRITTE 114
QUELLEN U. LITERATURVERZEICHNIS  116