Dienstag, 8. Dezember 2015

[ #eLexika ] Oratorien - und Kantatenführer: Alexanderfest

Das Oratorium wurde aus der Not geboren. Die geistlichen Herren der Barockzeit untersagten, während der Fastenzeit Opern aufzuführen. 

Diese stellten eine Lustbarkeit dar, die dem liturgischen Kirchenjahr nicht angemessen war. Auf Musikdramen wollte die Bevölkerung aber nicht verzichten und somit schuf man etwas zur Erbauung.
Oratorien. Was erbaut mehr als die Religion? So griffen die Librettisten zum Alten Testament, zum Neuen Testament und zur christlichen Mystik. Dramatische Begebenheiten der Bibel wurden nach ihren Vorstellungen ausgeweitet, umgestaltet und ausgeschmückt, damit die mehr oder weniger verehrten Komponisten etwas hatten,Die ersten Oratorien-Aufführungen fanden im Betsaal (ital. oratorio) der Bruderschaft des Filippo Neri statt. Von daher behielt die Gattung auch ihren Namen. 1571 wurde Palestrina Leiter des Gesanges bei den Andachtsübungen im Oratorium des Philipp Neri. Aufbauend auf diese und verschiedene Vorformen und in Anlehnung an Formen der frühen Oper schuf Gaicomo Carissimi ab etwa 1640 die für die Folgezeit gültige Form. Oratorium wurde als Begriff in der Musik zur Bezeichnung für eine groß angelegte Komposition meist geistlichen Inhalts, die für Instrumente und mehrere Sänger komponiert ist und in der Regel konzertant, also ohne szenische Aufführung, Bühnenbild und Kostüme stattfindet und deshalb an die Kargheit einer Versammlung im Betsaal erinnert.

In Österreich bürgerten sich Oratorien von Italien aus um die Mitte des 17. Jahrhunderts ein und wurde durch die Gegenreformation und die betont katholische Haltung des Kaiserhofs gefördert. Mit Händels handlungsbetonten, musikdramatischen (englischen Oratorium) und Haydns mehr kontemplativen Oratorien hatte diese Gattung den Raum der Kirche endgültig verlassen und den Konzertsaal erobert. Die Bedeutung dieser Gattung ging nach 1800 allerdings aus geistesgeschichtlichen Gründen zurück.

Kantate. Im Format "etwas kleiner" als das Oratorium, meidet die Kantate den weitgesteckten Rahmen und befasst sich hauptsächlich mit dem Schicksal der Einzelwesen, welches sich fast immer fatal ausnimmt. Da ist der Prinz, der die Fee Alyssa aufgibt, weil er in den Krieg ziehen muss. Amarus, das traurige Mönchlein vergisst, Öl in die Altarlampe nachzugießen und provoziert damit infolge Andeutung eines Engels auf diese Weise seinen Suizid. Ahab muss sich mit dem weißen Wal herumärgern und Cleopatra setzt sich eine Schlange an den wohlgeformten Busen, weil sie mit Oktavian nicht klarkommt.

Die Kantate, abgeleitet von lat. "cantare" = "singen" und ital. "cantata" = "Singstück", ist eine mehrsätzige Vokalkomposition für Solostimmen mit Instrumentalbegleitung und Chor, der nur bei ausdrücklicher Bezeichnung als Solokantate entfällt. Ursprünglich eine italienische Gattung eher der weltlichen ("cantata da camera") als der Kirchenmusik ("cantata da chiesa"), wurde die Kantate durch ihren Hauptvertreter J. S. Bach zum Inbegriff protestantischer Kirchenmusik, obwohl auch in seinem Schaffen weltliche Kantaten enthalten sind (z. B. Ratswahlkantaten, Kaffeekantate). In dieser "resäkularisierten" Form lebte die Kantate sogar noch im 20. Jahrhundert bei Bartók und Strawinsky wieder auf.

In allen Kantaten, in denen die Phrase mit „La Mort“ beginnt, wird auf unliebsame und originelle Weise gestorben, das ist bei Dido nicht anders als bei Sardanapal. Belsazar muss aus Übermut sein Leben lassen und Herkules hat sich ahnungslos und unbedacht eine giftdurchtränkte Tunika übergestreift. Liebessehnen findet fast nie seine Erfüllung. Die Leiden des Erlösers werden ebenso ausgiebig besungen wie seine von Engeln verkündete Geburt.

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