Dienstag, 29. Dezember 2015

[ #FreeBook ] Sigmund Freud - Das Motiv der Kästchenwahl

Sigmund Freuds Analyse von Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" und "King Lear"in "Das Motiv der Kästchenwahl" von 1913 ist mindestens ebenso literaturgeschichtlich wie literaturpsychologisch angelegt. Die Studie behandelt Shakespeare im "Kaufmann von Venedig" in heiterer und im "König Lear" in tragischer Weise.

Mythologie. Freud deckte die Parallelen zu den zahlreichen Motiven der Volksdichtung und der Mythologie auf, in denen der Held zwischen drei Frauen wählen muss, die die drei Beziehungen des Mannes zur Frau darstellen, wobei die zu den Moire, den Göttinnen des Todes ursprünglich die grundlegende Beziehung war:

"Der Dichter bringt uns das alte Motiv näher, indem er die Wahl zwischen den drei Schwestern von einem Gealterten und Sterbenden vollziehen läst. Man könnte sagen, es seien die drei für den Mann unvermeidlichen Beziehungen zum Weibe, die hier dargestellt werden sind: Die Gebärerin, die Genossin und die Verderberin. Oder die drei Formen, zu denen sich ihm das Bild der Mutter im Laufe des Lebens wandelt: Die Mutter selbst, die Geliebte, die er nach deren Ebenbild gewählt, und zuletzt die Mutter Erde, die ihn wieder aufnimmt. Der alte Mann aber hascht vergebens nach der Liebe des Weibes, wie er sie zuerst von der Mutter empfangen; nur die dritte der Schicksalsfrauen, die schweigsame Todesgöttin, wird ihn in ihre Arme nehmen." (Das Motiv der Kästchenwahl,  G. W. X, 35-36)


In dem Kästchenwahl-Aufsatz, wundert sich also Freud darüber, dass so oft in der Literatur die dritten die vorzüglichsten sind, Psyche als jüngste von drei Königstöchtern wie Aschenputtel, Shakespeares Cordelia als König Lears Jüngste, und auch Paris hat als Schönste seinerzeit die Dritte gewählt, Aphrodite. In der Figur der Dritten zeige sich das Motiv der Stummheit, und die sei "im Traume eine gebräuchliche Darstellung des Todes". Die erste ist die Mutter, die zweite die Geliebte, und also die dritte? "Nur die Todesgöttin schließt den Mann in die Arme."


Kurzbiografie. Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 in Freiberg geboren. Er starb am 23. September 1939 in London. 1873-81 Studium der Medizin in Wien. 1882-85 Arbeit am Allgemeinen Krankenhaus in Wien. 1885 Habilitation, Dozentur für Neuropathologie an der Universität in Wien. 1885 Studienreise nach Paris mit einem Wiener Stipendium. Bekanntschaft mit Josef Breuer. 1886 Heirat mit Martha Bernays, Eröffnung einer neurologischen Praxis in Wien. 1902 Professur für Neuropathologie in Wien. 1907 Bekanntschaft mit Carl Gustav Jung. Reise in die USA. 1910 Gründung der "Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung". 1930 Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main. 1935 Ehrenmitgliedschaft der British Royal Society of Medicine. 1938 Flucht nach London.

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