Sonntag, 4. Oktober 2015

[ #FreeBook ] Lukian — Hetärengespräche und drei andere Texte

[Free eBook] Dreimal Lukian kostenlos, zweimal als E-Book in PDF-Format: "Hetärengespräche" und "Der ungelehrte Büchernarr". Als Online-Text die "Göttergespräche".  Kurt Tucholsky nannte Lukian in einem in der Weltbühne am 12. Dezember 1918 erschienenen Gedicht einen Freund, Vetter, Bruder und Kampfgenossen.

Hetärengespräche.    Christoph Martin Wieland als Übersetzer schreibt schon zu Beginn: "Da ich in Adelungs Wörterbuch kein Wort finde, das mit dem griechischen Hetäre völlig gleichbedeutend wäre, und da das zur Not brauchbare Kurtisane ebenso wenig deutsch ist als jenes, so halte ich, alles wohl erwogen, für das schicklichste, das Wort Hetäre als ein griechisches Kunstwort zu behandeln, welches wir, um den Begriff, den die Griechen damit verbanden, von verfälschenden Nebenbegriffen rein zu erhalten, ebenso wenig zu verdeutschen suchen müssen als die Wörter Archon, Nomophylax, Mystagog, Philosoph, Theurg und hundert andere dieser Art, deren Subjekte wir entweder gar nicht haben oder die doch bei uns ganz was anders als bei ihnen sind."

Hetäre. Immerhin hat sich Wikipedia darüber gewagt, worüber Wieland sich nicht traute: "Hetäre (Gefährtin) ist der Begriff für Frauen, die im Altertum für Geld Geschlechtsverkehr gewährten. Im Gegensatz zu Dirnen (griechisch: pórnai) galten die Hetären als gebildet und waren sozial anerkannt."

Voyeurismus.   Die produktive Rezeption von Lukians Werk, wie sie seit der Renaissance in den europäischen Literaturen zu beobachten ist, wird mit "Lukianismus" bezeichnet. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich dabei die "Totengespräche", bei denen Vertreter unterschiedlicher Epochen, Kulturen, Gesellschaftssysteme in der Unterwelt zusammentrafen. Frühneuzeitliche Autoren sahen hierin die Möglichkeit, jeweils aktuelle Konfliktlagen unter dem Schutz der Fiktion bzw. der zeitlichen Ferne verfremdet abzubilden und zu diskutieren. Freilich hatten nicht alle Texte gesellschaftskritische Positionen zu vermitteln, vielfach diente z.B. eine exotische Einkleidung der Dialoge einfach dazu, das Interesse an fremden Welten oder die voyeuristische Lust an historischen "Skandalgeschichten" zu befriedigen.

Wieland muss sich dessen als auch der Sittenhüter bewusst gewesen sein, wenn er das V. Kapitel der Hetärengespräche einfach ausklammert. Im Vorwort sagt er dazu: "Lukian hatte vermutlich gute Ursachen, eine unter den vornehmen Damen seiner Zeit ziemlich im Schwange gehende Ausschweifung, zu ihrer Beschämung und zur Warnung junger Personen, durch dieses vertrauliche Gespräch einer sittsamen jungen Hetäre mit einer älteren Freundin öffentlich zur Schau auszustellen, aber bei uns finden weder diese Bewegursachen statt, noch vertragen unsere Sitten, was die Sitten seiner Zeitgenossen vertragen konnten."

Wie zeitlos Lukian noch heute gelesen werden kann, zeigt auch der andere angebotene Download: "Der ungelehrte Büchernarr!" Hier geht eine bissige Tirade auf einen Büchersammler nieder, dessen Hauptverdienst im Sammeln liegt und nicht im Lesen. Keine auch heute so unbekannte Erscheinung.

Lukianos von Samosata.   Lukian lebte von 120-180 im nachchristlichen Römischen Reich, war Syrer und lebte am Oberlauf des Euphrat in der Nähe von Aleppo. Er unternahm mehrere Reisen durch den Mittelmeerraum. Er geißelte die gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit in bissigen Satiren und ist der erste Autor der europäischen Literaturgeschichte, der im modernen Sinne des Wortes als Satiriker gelten kann. Ein Großteil der ca. 70 echten von ihm erhaltenen Schriften setzt sich, teils in Traktat-, teils in Dialogform, spöttisch-kritisch mit den wichtigen philosophischen und religiösen Strömungen seiner Zeit auseinander, indem besonders das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit karikiert wird.

Einen zweiten Schwerpunkt von Lukians Schaffen bilden Schriften, die nach der Zeitgemäßheit der überkommenen Mythen fragen und zum Teil mit humoristischen Neuversionen der althergebrachten Stoffe aufwarten. In diesem Zusammenhang nimmt er nicht nur die Menschen seiner Zeit mit ihrer Eitelkeit, ihrem Geschwätz und ihrer Wichtigtuerei aufs Korn, sondern ein wesentlicher Schwerpunkt liegt auf den Göttergeschichten. Scheinbar naiv nimmt er die alten Mythen mit den ach so menschlich schwachen Göttern wörtlich und stellt Jupiters Amouren, die "Mordsgeschichten" unter den Göttern und die diversen Verwandlungs- und Verstellungsgeschichten der Götterwelt in sachlich-nüchternen Dialogen der Protagonisten dar.

Immerhin wurden seine geistreichen Satiren über philosophische, religiöse und ganz allgemein menschliche Denkweisen seiner Zeit noch in der Neuzeit von Humanisten wie Erasmus, Reuchlin, Ulrich von Hutten, Hans Sachs und später vor allem von Christoph Martin Wieland als vorbildhaft geschätzt, und auch heute noch vermag die Buntheit seiner Themen, die bisweilen Phantastisches umfassen, das uns in dieser Form erst in den modernen Utopien wieder begegnet (Reisen zum Mond, in den Götterhimmel etc., und das alles mit Hilfe eines selbstgebauten „Flugapparats“), ebenso zu faszinieren wie der Witz seiner im übrigen nicht allzu schwer zugänglichen Sprache.

Historik. Berühmt wurde er auch durch seine Anleitung "Wie man Geschichte schreiben müsse" - gleichsam eine erste "Historik", die bis in die Mitte des 16. Jhs. Vorbild ist und im wesentlichen zusammenfasst, was bis dahin vorgebracht worden war: Forderung der Unparteilichkeit, politischer Instinkt und Urteilskraft, Darstellungsgabe, politische etc. Erfahrung des Historiographen, die Fähigkeit, das Wesentliche im Ablauf der Geschichte zu erkennen. Die Geschichte hat ihm nur eine Aufgabe, nämlich durch die Wahrheit nützlich zu sein. Lukian gibt eine genaue Anleitung, wie eine Geschichtsdarstellung abzufassen sei.

Christentum. Ganz entgegen seiner Wirkungsgeschichte meint das Bautz-Kirchenlexikon dass er "für die Philosophiegeschichte ... trotz seiner phil. Interessen keine besondere Bedeutung" hatte. "Seine rationalistisch-skeptische Haltung" sei "ohne tiefere moralische und religiöse Bindung". Mit dem Fehlen einer tieferen religiösen oder moralischen Bindung meint man offenbar dessen kritische Beurteilung von Ideologien, esoterischen Schwärmereien und literarischen Belanglosigkeiten. Mit der grotesken Umsetzung der Göttermythen ins Alltägliche macht sich Lukian nicht nur über die Wundergläubigkeit und Naivität seiner Mitmenschen lustig, in den Göttergestalten karikiert er auch immer die Mächtigen seiner Zeit.

In diesem Zusammenhang empfiehlt sich auch ein kurzer im Internet lesbarer Text (der auch Belegstelle für das heute oft blind als alternativ verherrlichte "Urchristentum" gelten darf): "Über das Ende des Peregrinus. (De morte Peregrini)".


An Lucianos.    Kurt Tucholsky nannte ihn in einem in der Weltbühne am 12. Dezember 1918 erschienenen Gedicht einen Freund, Vetter, Bruder und Kampfgenossen und er hebt als Merkmal der Wesensverwandtschaft hervor: "Und Gott sei Dank: nichts war dir heilig, du frecher Hund!"

        An Lucianos von Kurt Tucholsky
        Freund! Vetter! Bruder! Kampfgenosse!
        Zweitausend Jahre – welche Zeit!
        Du wandeltest im Fürstentrosse,
        du kanntest die Athenergosse
        und pfiffst auf alle Ehrbarkeit.
        Du strichst beschwingt, graziös und eilig
        durch euern kleinen Erdenrund –
        Und Gott sei Dank: nichts war dir heilig,
        du frecher Hund!

        Du lebst, Lucian! Was da: Kulissen!
        Wir haben zwar die Schwebebahn –
        doch auch dieselben Hurenkissen,
        dieselbe Seele, jäh zerrissen
        von Geld und Geist – du lebst, Lucian!
        Noch heut: das Pathos als Gewerbe
        verdeckt die Flecke auf dem Kleid.
        Wir brauchen dich. Und ist dein Erbe
        noch frei, wirfs in die große Zeit.

        Du warst nicht von den sanften Schreibern.
        Du zogst sie splitternackend aus
        und zeigtest flink an ihren Leibern:
        es sieht bei Göttern und bei Weibern
        noch allemal der Bürger raus.
        Weil der, Lucian, weil der sie machte.
        So schenk mir deinen Spöttermund!
        Die Flamme gib, die sturmentfachte!
        Heiß ich auch, weil ich immer lachte,
        ein frecher Hund!


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